Search
× Search

Der 9. November 1989 in Rudow

Thomas Fuchs aus der Sparkassenfiliale in Rudow

 

Protokoll zum Erzählcafé am 02.11.2023

 

Klaus Pankau begrüßt Thomas Fuchs aus der Sparkassenfiliale Rudow und die Besucherinnen und Besucher des Erzählcafés.

 

Einleitend erinnert er an die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Tages oder besser der Tage vor und nach der Maueröffnung:

  • Gorbatschow war seit 1985 Generalsekretär der KPDSU in der Sowjetunion und hatte mit den Begriffen Glasnost und Perestroika wichtige Reformen begonnen
  • Ungarn hatte die Grenze durchlässiger gemacht und später die Grenzbefestigungen gänzlich abgebaut
  • Die Bilder aus den Botschaften in Prag, Budapest und Warschau beherrschten die Medien
  • Ab September 1989 begannen die Montagsdemos in Leipzig, an denen bis zu 70.000 Menschen teilnahmen
  • Viele Menschen wollten die DDR verlassen, andere das Land reformieren und bleiben
  • Alle stellten sich die bange Frage, wie die DDR-Führung und das russische Militär sich verhalten werden
  • Am 8. November war das Politbüro der DDR zurückgetreten und die neue Führungsspitze Hans Modrow und Erich Krenz versuchten, die Situation auch mit Hilfe einer neuen Reiseregelung zu stabilisieren.

Am frühen Abend des 09.11.1989 hielt Günter Schabowski eine Pressekonferenz zu diesen Themen ab und beging einen der „schönsten Irrtümer der Geschichte“ (der Spiegel), in dem er auf Nachfrage eines italienischen Journalisten erklärte, dass „unverzüglich“ und „kurzfristig“ Reisegenehmigungen auch in das westliche Ausland erteilt würden. Hans Schäfer, damals verantwortlicher Leutnant am Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee, stellte daraufhin die Grenzkontrollen ein und lies die aus der Umgebung eintreffenden Menschen über den Übergang nach West-Berlin.

 

K. Pankau: Herr Fuchs, mit Ihrer Familie sind Sie, weil Ihr Vater (Einzelhandelskaufmann bei Hertie) nach Berlin versetzt wurde, 1973 nach Rudow gezogen. Sie haben, wie sie erzählt haben, hier die Grund- und die Oberschule besucht und standen 1987, nach Ihrem Abitur, vor der Frage: Was mache ich jetzt? Zwei Alternativen hatten Sie im Sinn, zum einen bot die BSR damals kaufmännischen Auszubildenden sehr gute Perspektiven, zum anderen lockte Sie aber auch die Sparkasse, weil Sie die Atmosphäre und die „Lockerheit“ des Sparkassenteams bei Ihrer Girokontoeröffnung so „cool“ fanden.

 

T. Fuchs: Das stimmt. Ausschlaggebend war dann aber das Argument meiner Mutter, die mir sagte, sie hätte gehört, bei der BSR müssten alle Auszubildenden ganz gleich welchen Berufs, zu Beginn der Ausbildung erst einmal die Straße fegen. Das wollte ich nicht. So habe ich dann am 01.02.1987 bei der Sparkasse angefangen. Zunächst war ich in Neukölln in der Filiale 141 und dann ab 1989 in Rudow. Damals war die Filiale noch dort, wo heute das „Pfennigland“ ist, in Alt-Rudow, Ecke Krokusstraße. Hier habe ich später auch meine Ausbildung beendet und bin dann auch für immer in Rudow geblieben. Sie müssen wissen, Rudow war vor dem Mauerfall sehr „dörflich“, bei uns in der Filiale war auch nicht so viel los, mit Ausnahme an den Wochenmarkttagen, da wurde es lebendig. Hier in Rudow „war Berlin zu Ende“ und der geringe Durchgangsverkehr zum Flughafen fiel nicht wirklich ins Gewicht.

 

K. Pankau: Wie haben Sie den 9. November erlebt?

 

T. Fuchs: Ich glaube, ich habe die Grenzöffnung auch am Abend aus dem Fernsehen erfahren. Am nächsten Tag war alles anders: Wir waren gerade im innerbetrieblichen Unterricht, den die Berliner Sparkasse immer für ihre Auszubildenden durchführte, als uns die Nachricht erreicht, dass wir alle in den Sparkassenfilialen gebraucht werden. „Der Unterricht ist zu Ende, wir werden in den Filialen überrannt“, „Bitte fahren Sie in ihre Filialen und helfen Sie, das Begrüßungsgeld auszuzahlen“, hieß es.

Ich bin also zurück in die Filiale, erlebte die überfüllten Busse und die U-Bahn und wurde, weil ich schon damals von einer eher kräftigen Statur war, an die Tür gestellt. Meine Aufgabe war es, die Leute schubweise in die damals ziemlich enge Filiale zu lassen. Die Menschen haben sich aber sehr diszipliniert in einer immer länger werdenden Schlange angestellt. Das Anstehen war man ja aus der DDR gewohnt. Es gab in der Schlange, die von der Krokusstraße bis zur Rudower Spinne reichte, aber keinen Ärger. Die Atmosphäre war doch sehr entspannt.

Nur mit unseren Prospektauslagen kamen wir nicht mehr nach, so groß war der Wissensdurst unserer Kunden. Irgendwann haben wir dann die Prospektständer abgeräumt.

Erst im Nachhinein habe ich dann erfahren, dass der regierende Bürgermeister von Berlin, es war damals Walter Momper, noch in der Nacht vom 9. auf den 10. November mit allen Bankvorständen und auch dem Sparkassenvorstand in Berlin über die Modalitäten der Begrüßungsgeldauszahlung verhandelt und deren Umsetzung ab dem 10.11. verlangt hatte.

Dann setzte „der Run“ insbesondere zu den Filialen in der Nähe der Grenzübergänge ein. Da war überall viel los und es wurde auch weitere Zahlstellen aufgemacht. Diejenigen, die das Begrüßungsgeld ausgezahlt bekommen hatten, bekamen einen Stempel in ihren DDR-Pass, damit das Geld nicht doppelt gefordert werden konnte. Ich glaube, es war ein Sparkassen oder auch ein einfacher Datumsstempel. Natürlich gab es auch Fälle, bei denen Seiten in den Pässen fehlten. Es geschah nicht sehr oft, aber es geschah natürlich. Alleine von der Berliner Sparkasse sind bis Ende Dezember 102 Mio. DM Begrüßungsgeld ausgezahlt worden.

Viele haben das Geld geholt und dann sofort in den umliegenden Läden wieder ausgegeben.

Der Einzelhandel in Rudow hat gut profitiert. Gegenüber war ein Haushaltswarenladen „Zander“, zu dem viele ihr Geld sofort hin getragen haben. „Zander“ konnte aufgrund seiner unerwartet guten Umsätze alsbald sein Geschäft erweitern. Insbesondere von den „Datschenbesitzern“ in den umliegenden Gemeinden hat er profitiert, denn die haben ihre Ausstattungen sofort verbessert. Von der Harke bis zu Kochtöpfen und Porzellan war hier alles zu bekommen. Aber auch Aldi und Woolworth profitierten und es bildeten sich lange Schlangen.

 

K. Pankau: Hat die Öffnung der Mauer Rudow verändert?

 

T. Fuchs: Der Einzelhandel, vor allem die Supermärkte, hat zunächst profitiert und auf dem heutigen EDEKA-Parkplatz entstanden sogar temporäre Gebrauchtwagenhändler. Es gab auch temporär Stände mit Südfrüchten, vor allem mit Bananen und Orangen, die aber alle bald wieder weg waren.

Immerhin kamen am Wochenende nach dem 09.11. etwa 28. Tsd. Besucher über den Grenzübergang an der Waltersdorfer Chaussee.

Die Entwicklung hat sich dann aber in wenigen Monaten normalisiert und Rudow hat seinen Dorfcharakter zurück gewonnen.

Das Begrüßungsgeld wurde nur bis Ende Dezember ausgezahlt, danach konnte die Sparkasse, auch meine Rudower Filiale, wieder den normalen Geschäftsbetrieb aufnehmen.

Wenn ich an diese Zeit zurück denke, dann denke ich an eine ganz besondere Zeit, die ich hier in Rudow erleben durfte. Ich lebte damals und lebe auch heute sehr gerne in Rudow. Für mich hat sich nie die Frage gestellt von hier weg zu ziehen, wir sind ein kleines Team in der Filiale, das sich sehr gut versteht. Ich wohne ja auch ganz in der Nähe.

Wenn ich heute erneut zwischen der Berliner Sparkasse und der BSR entscheiden müsste, würde ich mich wieder für die Sparkasse entscheiden, obwohl ich heute weiß, wie gut man auch im Innendienst der BSR verdient. Vielleicht bin ich auch gerne hier geblieben, weil ich in meiner Familie erlebt habe, was es bedeutet, viel umziehen zu müssen. Wir sind drei Brüder und jeder ist in einer anderen Stadt geboren. Ich war immer in Rudow zufrieden und wollte mich auch nie verändern

 

Zwischenruf aus dem Publikum:
Rudow war auch immer mit Ihnen zufrieden. Gelächter…

 

Klaus Pankau: Vielen Dank, Herr Fuchs, für Ihre Geschichten um den 09.11.1989 und Dank auch an die Berliner Sparkasse, die den Verein Alte Dorfschule Rudow e.V. im Zusammenhang mit den 650 Jubiläums Feierlichkeiten des Stadtteil mit einer Spende unterstützt hat.

 

Zwischenwort (ehemalige Sparkassenbeschäftigte) aus dem Publikum: Vor der Sparkasse stand eine ganze Schulklasse, der Lehrer wollte offensichtlich das Begrüßungsgeld abholen. Schnell haben wir alle gesammelt und für die Kinder bei Aldi gegenüber Süßigkeiten gekauft. Für unsere Besucher wurde immer Kaffee gekocht, denn im November war es ja schon richtig kalt draußen. Die Kirche hatte auch eine Wärmestube eingerichtet und heißen Tee ausgeschenkt und Kekse verteilt. „Es war schon eine tolle Zeit“. Viele Verwandte kamen jetzt erstmalig zu Besuch aber nicht zu allen hat über die Zeit der Kontakt gehalten.

 

Günter berichtet, dass er am 09.11. am Abend auf dem Weg zum „Starlight-Express“ im Estrell war, als ihn die Nachricht von der Maueröffnung erreichte. Er hatte sich bereits über die Trabbis und Wartburgs gewundert, die plötzlich auf den Straßen waren. Allen fehlten aber Stadtpläne von West Berlin, denn die gab es ja in der DDR nicht. Die Menschen wollten sich aber natürlich orientieren. Wir haben dann unsere Stadtpläne verschenkt. Navis gab es ja noch nicht.

 

Werner M. erzählt, wie er mit seiner Frau alle verfügbaren Thermoskannen mit Kaffee gefüllt und an die vielen Menschen in der Schlange verteilt hat. Wenn an der Currybude einem Besucher Geld fehlte, sprangen die Umstehenden ein. Die gefühlte Solidarität war sehr groß in diesen Tagen. Wir haben nicht so weit vom Todesstreifen an der Rudower Höhe gewohnt. Heute ist der gar nicht mehr zu erkennen. „Man hat mitunter Schwierigkeiten, die ehemalige Grenze zu finden.“ Aber wir West-Berliner haben die Zeit genossen, sie war mit so viel Hoffnung und Solidarität verbunden. Wir waren oft am Brandenburger Tor, weil man die Schritte durch das nun offene Tor so richtig genießen konnte. Der erste Weg zu Fuß nach Grossziethen war für Werner ein Erlebnis, auch wenn die Bausubstanz, das sagte mein Handwerkerblick, insgesamt in einem sehr traurigen Zustand war.

 

Mein Chef aus Hannover kam nach Berlin, er wollte die Mauer sehen, erzählt Günther. Irgendwo am Potsdamer Platz trafen wir dann an der Mauer auf viele Mauerspechte, die dabei waren , Teile aus der Mauer heraus zu brechen. Wir hatten natürlich keinen Hammer dabei und fragten einen der Spechte, ob er uns seinen Hammer einmal leihen könnte. Die wörtliche Antwort war: „Seid ihr verrückt, bringt Euch selbst Werkzeug mit, wenn ihr hier was rausbrechen wollt“. Ich erinnere mich noch gut, wie voll die Busse und die U-Bahn in diesen Tagen in Berlin waren. An vielen U-Bahnhöfen in der Innenstadt fuhren die Züge einfach durch, weil die Züge und die Bahnhöfe so voll waren.

 

Auch Peter hatte das Gefühl „etwas tun zu wollen“, füllte seine Thermoskannen und fuhr mit dem Rad nach Alt-Rudow, um Kaffee zu verteilen. „Das war mein kleiner Beitrag zur Deutschen Einheit“, den ich unbedingt bringen wollte.

 

Klaus erzählt, dass er im Januar 1990 als Pressesprecher beim DGB in Berlin-West beginnen sollte. Er hatte sich gefreut, da ihn sein vorangegangener Arbeitgeber bis zum Jahresende freigestellt hatte, zwei ruhige Monate mit der Familie zu verbringen. Daraus wurde nun nichts, denn noch in der Nacht vom 09. zum 10. November, rief der damalige DGB-Vorsitzende in Berlin an und sagte: „Du musst morgen schon kommen. Wir müssen mit allen Gewerkschaftssekretären ein Brainstorming machen, über das, was  jetzt alles auf uns zu kommt“. Damals sind wir noch von einem Bundesland Berlin-Brandenburg ausgegangen und von anstehenden  großen wirtschaftlichen Verwerfungen aufgrund der in beiden deutschen Teilen völlig unterschiedlichen Wirtschafts- und Marktstrukturen. Als Modell für einen derartigen wirtschaftlichen Umbruch in einer Region, diente in unseren Diskussionen immer die Kohle- und Stahlindustrie in NRW. „Trotz und wegen der gigantischen Probleme in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt, war es die aufregendste und interessanteste Arbeitsphase in meinem Leben“.

 

Protokoll
K. Pankau



ImpressumDatenschutzerklärungAlte Dorfschule Rudow e. V., 2024
Back To Top